Am Dienstag dieser Woche hatte sich Bundekanzler Friedrich Merz während einer Pressekonferenz zum Thema Migration und Flüchtlinge geäußert. Im Anschluss an die Erwähnung sinkender Flüchtlingszahlen hatte er mit folgendem Wortlaut Menschen mit Migrationshintergrund als "Problem im Stadtbild" bezeichnet:
"Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen."
Als ausgebildeter Stadtführer in Berlin ist das Stadtbild mein Arbeitsplatz und wenn sich jemand mit dem Stadtbild der Hauptstadt auskennt, dann bin ich das. Diese Worte machen mich fassungslos und ich bin zutiefst entsetzt über die Wortwahl und Gedankenwelt unseres amtierenden Regierungschefs. Aus diesem Grund veröffentliche ich hier in eigener Sache folgenden offenen Brief an Friedrich Merz mit der klaren Ansage, sein Verhalten zu reflektieren und ernsthafte, aufrichtige und angemessene Worte der Bitte um Entschuldigung zu finden:
Berlin, den 19.10.2025
Ihre Äußerung hinsichtlich Migration als Problem im Stadtbild
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz,
ich schreibe Ihnen als Stadtführer in Berlin. Wenn sich jemand mit dem Stadtbild in unserer Stadt auskennt, dann bin ich das. Am Dienstag dieser Woche haben Sie laut Presseberichterstattung im Zusammenhang mit dem Thema der Migration folgende Aussage getätigt:
"Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen."
Offen gesagt, Ihre Äußerung macht mich fassungslos. Sie formulieren in Ihrem Satz glasklar einen kausalen Zusammenhang zwischen einem äußeren von Migration geprägten Erscheinungsbild in deutschen Städten und der Notwendigkeit, Menschen als “Problem” aus dem Stadtbild entfernen zu müssen. Diese Äußerung ist menschenverachtend und eines Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland unwürdig!
Ich führe seit Jahren internationale Gäste durch unsere Stadt und das nicht nur zwischen Fernsehturm und Brandenburger Tor, sondern am liebsten auch durch Bezirke wie Kreuzberg, Neukölln, Schöneberg u.v.m. Was soll ich meinen Gästen nun sagen, Herr Merz? Dass Sie alle hier nicht erwünscht sind, weil sie nicht ins Stadtbild passen, weil sie irgendwie anders aussehen und deswegen am liebsten weggeschafft werden müssen?
Nein, Herr Merz, das menschlich kalte Deutschland, welches Sie verkörpern, ist nicht mein Land. Ich möchte eine Gesellschaft, in der es genug und Platz für alle gibt. Und das nicht nur für Gäste, die ihren Urlaub hier verbringen, sondern gerade für Menschen, die vor Krieg, Terror und Diktatur geflohen sind oder schlicht und einfach eine neue Heimat hier gefunden haben.
Ja, ich möchte, dass Menschen aus Syrien oder der Ukraine oder aus Einwandererfamilien der x-sten Generation in unserem Stadtbild sichtbar sind, weil sie zu uns gehören. Und weil die Zeit, als wir Menschen aufgenommen haben, die vor Faßbomben, gezielter Aushungerung und in industriellem Maßstab betriebenen Foltergefängnissen geflohen sind, zu den wenigen Momenten zählte, in denen ich so etwas wie Stolz auf unser Land empfinden konnte.
Übrigens: Das Stadtbild wurde in Berlin schon seit Jahrhunderten von Migrant*innen und Flüchtlingen geprägt. Die Zuwanderung von Flamen, Hugenotten, Böhmen, Polen, Russen, Türken u.v.m. gehört zum Wesen und Kern der Stadt Berlin.
Ihre Botschaft an Menschen mit Migrationshintergrund hingegen ist: Ihr könnt Euch noch so sehr “integrieren”, Ihr werdet niemals dazugehören. Dass Sie nun Menschen, die aus Ihrer Sicht nicht in das Stadtbild passen, zum “Problem” erklären und diese nun in sehr großem Umfang entfernen möchten, tritt den Gleichbehandlungsgrundsatz und das Diskriminierungsverbot in Art. 3 unseres Grundgesetzes mit Füßen. Als Bundeskanzler, welcher der Regierung eines Landes vorsteht, dessen Bevölkerung zu mehr als 25% einen Migrationshintergrund aufweist, haben Sie sich disqualifiziert. Es steht Ihnen überhaupt nicht zu, Menschen die Berechtigung zu erteilen, Teil unseres Stadtbildes sein zu dürfen oder nicht.
Ich kann Ihnen nur anraten: Gehen Sie in sich, reflektieren Sie Ihre Äußerungen und finden Sie aufrechte und angemessene Worte der Bitte um Entschuldigung.
Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Jens-Martin Rode
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