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Ab wann bin ich eigentlich Berliner?

Berlin um 1880 - Modell vor der Marienkirche / Park am Fernsehturm - Bild: Jens-Martin Rode

“Ish bin ein Bearleener”. Dieses Zitat aus der Rede John F. Kennedys anlässlich seines Berlin Besuchs 1963 vor dem Schöneberger Rathaus dürfte zu den bekanntesten Worten der Welt gehören. “Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger Berlins, (...)” hatte der 35. Präsident der Vereinigten Staaten diesen Worten vorangestellt, um den Beistand der USA für West-Berlin nach dem Mauerbau zu bekräftigen (“Ich bin ein Berliner”, 2020). Gewohnt hatte Kennedy an der Spree nie. Doch Zehntausende jährlich wollen und wollten in der wechselvollen Geschichte der Stadt genau das: Nach Berlin ziehen! Aktuell leben in der Hauptstadt knapp 3,8 Mio. Menschen. 2019 sind 19.200 mehr Menschen zu- als weggezogen (Zuwanderung, 2020). Doch wie wird man eigentlich Berliner? 

 

Mit Spreewasser getauft?

 

Ein “waschechter” Berliner sei “mit Spreewasser getauft”, heißt es. Doch nicht einmal die Hälfte (47%) der Einwohnerinnen der Hauptstadt ist auch hier geboren (Städte und Länder, 2018). Das galt auch für Berliner Markenzeichen, wie Heinrich Zille (Radeburg), Willy Brandt (Lübeck) oder Claire Waldoff. Letztere war für ihre Chansons im Berliner Jargon berühmt, kam selbst aber aus Gelsenkirchen. Klingelschilder an Haustüren, Grabmale auf Friedhöfen oder Einträge im Telefonbuch zeigen Namen wie “Nowak”, “Maier”, “Smirnow”, “Damaschke”, “Yilmaz”, “Nguyen”, “Levi”, “Deboi” und “Gschwertner” und zeugen davon, dass die Geschichte Berlins von Einwanderung geprägt ist (Gutberlet, 2018, S. 158). Dass Menschen an der Spree ihr Glück suchen und ihr Herz verlieren gehört zur Genetik der Stadt einfach dazu. 

 

Von Schwabylon bis nach klein Istanbul: Berlin-Klischees fürs Reisegepäck

 

Manche Bilder über Zugezogene sind zum Berlin-Klischee geworden: Schwaben bevölkerten angeblich den Prenzlauer Berg und seien an Gentrifizierung und steigenden Mieten schuld. Das Wort “Schwabenhaß” macht bereits die Runde. Dabei belegen Zugezogene aus Baden Württemberg eher die unteren Ränge im Bundesländervergleich. Hamburg steht an der Spitze (Fürst, 2017). Kreuzberg gilt als “Klein Istanbul”, doch ist Berlin wirklich die zweitgrößte türkische Stadt nach Istanbul? Nicht ganz, denn die ca. 177.000 Menschen mit türkischen Wurzeln bilden nach Istanbul die zweitgrößte türkische Community in Europa und damit die größte Einwanderergruppe in Berlin (Weiner, 2019). Izmir und Ankara sind hingegen türkische Millionenstädte. Menschen aus Polen bilden die zweitgrößte Gruppe mit 144.000 Mitbürger:innen. 154.000 Menschen kommen aus arabischen Staaten und 145.000 aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion (Zahlen, 2020). Die ausländische Stadt, in der die meisten heutigen Neu-Berliner geboren wurden, ist laut einem Artikel der taz nicht länger Stettin, sondern mit 14.746 Menschen Damaskus (Rada, 2018).

 

Wie viele Berliner gab und gibt es eigentlich?

 

Die erste Volkszählung fand 1709 statt und ergab eine Einwohnerschaft von über 55.000 Menschen. Davor liegende Zahlen können nur geschätzt werden. Für die mittelalterliche Doppelstadt Berlin-Cölln, für deren “Geburtstag” heute das Datum 1237 angesetzt wird, kann man bereits ca. 2.000-2.400 Menschen annehmen (Einwohnerentwicklung, 2020). Berlin und Brandenburg wurden im 13. Jh. von Kolonisten aus dem Harzvorland und dem Niederrhein besiedelt.

 

Um 1600 hatte Berlin nach Pestausbrüchen und Bränden 12.000 Einwohner. Etwa ⅓ war dem Schwarzen Tod zum Opfer gefallen (Novel, 2012, S.41). Pestepedemien und marodierende Truppen im Dreißigjährigen Krieg ließen 1648 gut 6.000 übrig (Novel, 2012. S. 41). Wesentlichen Einfluß auf die Bevölkerungsstruktur hatten im Lauf der Geschichte u.a. die Hugenotten, von denen unter dem Großen Kurfürsten (Edikt von Potsdam 1685) ca. 20.000 Menschen in die Mark und damit 6.000 nach Berlin kamen (Knoller et al., 2018. S. 262). Sie bildeten etwa ⅓ der Stadtbevölkerung (Knoller et al., 2018, S. 262).

 

Berlin wuchs mit der Eingemeindung z.B. der Friedrich- und der Dorotheenstadt 1710 zur preußischen Hauptstadt mit 56.000 Einwohnern heran (Knoller et.al, 2018, S. 262). Mit Friedrich dem Großen wurde Berlin nach unseren Maßstäben “Großstadt” und zählte bei seinem Ableben 1786 bereits 150.000 Mitbürger (Knoller et al., 2018, S. 263). Um 1800 war Berlin mit 200.000 Einwohnern nach London und Paris die drittgrößte Stadt Europas (Knoller et al., 2018, S. 263). Die Industrialisierung ließ die Stadt in den folgenden Jahrzehnten förmlich explodieren und schuf z.B. die berühmten “Mietskasernen” als beengte Wohnform für die in die Stadt strömenden Massen. Zur Reichsgründung 1871 zählte Berlin bereits 823.000 Einwohner. 1877 war Berlin Millionenstadt (Novel, 2012, S. 48). Um 1900 waren es 1,9 Mio (Knoller et al., 2018, S. 264f).

 

Das Stadtgebiet, wie wir es heute kennen, entstand erst 1920 durch Eingemeindung u.a von Charlottenburg, Spandau und Köpenick. Damit verdoppelte sich die Einwohnerzahl nochmals auf 3,9 Mio. Die Stadtfläche wuchs dabei um das dreizehnfache (Einwohnerentwicklung, 2020). Im II. Weltkrieg hatte Berlin im Jahr 1943 mit 4,3 Mio. Menschen die größte Einwohnerzahl. Nachkriegszeit, wirtschaftliche Probleme, Mauerbau und Inselstatus in der geteilten Stadt führten zu einer sehr vielfältigen Bevölkerungsentwicklung und -struktur. Nach dem Mauerfall sind 1,3 Mio. Menschen aus der Stadt weggezogen. Das wird aber durch die Zugezogenen mehr als ausgeglichen (Knoller et al., 2018, S. 254f). 

 

Kann ich als Zugezogener irgendwann Berliner werden? Wenn ich als Stadtführer arbeite wohl kaum, denn ein echter Berliner zeigt den Menschen erst einmal, wo sie nicht sind. “Dit is keene Wärmestube! Woll’n se nu kiecken, oder koofen?” war die offizielle Begrüßung, als ich im Kältewinter ‘95 in die Hauptstadt zog und mich einen Moment zu lange in einer Bäckerei aufhielt.

Quellen

Print: 

 

- Gutberlet, Bernd Ingmar: Berlin für die Hosentasche: Was Reiseführer verschweigen, 2. Aufl., Berlin, Deutschland: FISCHER Taschenbuch, 2018, S. 158

- Novel, Ingrid: Berlin: Wege zu Kunst und Kultur, Geschichte und Architektur in den Stadtlandschaften der deutschen Hauptstadt, 7. Aufl., Ostfildern, Deutschland: DuMont Reiseverlag, 2012

- Knoller, Rasso/Giesela Buddée/Rainer Eisenschmid: Baedeker Reiseführer Berlin-Potsdam, 23. Aufl., Ostfildern, Deutschland: Baedecker, 2018

 

Online:

 

- „Ich bin ein Berliner“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 1. Mai 2020, 16:34 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?

- Weniger Zuwanderung nach Berlin: in: Tagesspiegel, 22.04.2020, [online] https://www.tagesspiegel.de/berlin/amt-fuer-statistik-legt-neue-zahlen-vor-weniger-zuwanderung-nach-berlin/25764010.html

- Aus diesen Städten und Ländern stammen die Berliner wirklich: in: rbb24.de, 22.08.2018, [online] https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2018/08/die-geburtsorte-der-berliner.html [28.11.2020]

- Fürst, Dominik: Berlin: Schwaben-Streich als Mythos entlarvt, in: Süddeutsche.de, 22.01.2016, [online] https://www.sueddeutsche.de/panorama/statistik-die-schwabisierung-berlins-als-mythos-entlarvt-1.2828001.

- Weiner, Hannah: Fehlt nur noch der Bosporus, in: https://www.fr.de, 05.01.2019, [online] https://www.fr.de/panorama/fehlt-noch-bosporus-10982215.html

- Neue Zahlen zu Bevölkerung in Berlin : 35 Prozent der Berliner haben Migrationshintergrund: in: Berlin - Tagesspiegel, 27.02.2020, [online] https://www.tagesspiegel.de/berlin/neue-zahlen-zu-bevoelkerung-in-berlin-35-prozent-der-berliner-haben-migrationshintergrund/25589402.html

- Rada, Uwe: Wo die Hauptstädter geboren sind: Ich bin kein Berliner, in: TAZ Verlags- und Vertriebs GmbH, 21.08.2018, [online] https://taz.de/Wo-die-Hauptstaedter-geboren-sind/!5525955/

- „Einwohnerentwicklung von Berlin“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 3. Oktober 2020, 19:03 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Einwohnerentwicklung_von_Berlin&oldid=204232327 (Abgerufen: 29. November 2020, 17:48 UTC)

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